Jill Ker Conway, Auszug aus Coorain: Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien. Unveröffentlichte Übersetzung (© Claudia Arlinghaus 2003-2012).
Titel der Originalausgabe: The Road from Coorain: In the tradition of My Brilliant Career - a woman's exquisitely clear-sighted memoir of growing up Australian. New York: Knopf, 1989. ©1989 by Jill Conway
Auszug aus Coorain - Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien.
Die prägenden Kindheitseindrücke und die tragischen Ereignisse, die einen großen Einfluss auf den Verlauf ihres jungen Lebens ausüben – eine katastrophale fünfjährige Dürre auf Coorain, dem Ort ihrer Kindheit; der frühe Tod des Vaters; wenige Jahre später der Unfalltod des ältesten Bruders und der beginnende seelische Zusammenbruch der Mutter – all dieses verbindet der trügerisch schlichte Stil der Autorin, die mit unglaublicher Wortgewandtheit auf engstem Raum eine eindrucksvolle Landschaft erstehen lässt, die von lebendigen, mit psychologischer Einsicht vorgestellten Menschen bevölkert ist. In The Road from Coorain ist die Verfasserin von Sachtexten erkennbar, die gewohnt ist, mit wenigen Worten Zusammenhänge präzise darzustellen, und dabei aus einem ungewöhnlich reichen Wortschatz schöpft, der ihrem knappen Stil eine außergewöhnliche Farbigkeit verleiht. Tatsächlich ist Coorain nicht allein die Geschichte der Autorin, sondern in großem Maße auch die Geschichte ihrer Mutter, die sich immer wieder dem Konflikt zwischen der von der gesellschaftlichen Norm geforderten Rolle der perfekten Mutter und ihrem persönlichen Bedürfnis nach Selbständigkeit und beruflicher Erfüllung stellen muss, ohne diesen lösen zu können. In einem Interview der New York Times antwortete Jill Ker Conway auf die Frage nach ihrer schriftstellerischen Absicht: „[Ich will] den Menschen auf sehr direkte Weise verständlich machen, dass Frauen ein authentisches Bedürfnis haben zu arbeiten, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Die Moral des Lebens meiner Mutter ist die, dass sie unbesiegbar war, solange sie sich einer Herausforderung zu stellen hatte, ihren Halt jedoch vollkommen verlor, wenn sie keine Aufgabe vor sich sah. Man spricht sehr gerne davon, dass Frauen ein moralisches Bewusstsein durch eine Mutterbindung entwickeln, doch ich sehe darin einen Irrtum. Mein Buch ist ganz bewusst die Geschichte einer Trennung – von Freiheit und Befreiung.“ Das Bedürfnis nach Freiheit und Befreiung kommt in The Road from Coorain auf einer weiteren Ebene zum Tragen – der Suche einer jungen Australierin nach einer eigenen, australischen Identität. Immer wieder sieht sich die junge Jill Ker dem Konflikt zwischen dem privilegierten und dem benachteiligten Australien gegenüber, welcher auf diesem Kontinent und zu dieser Zeit im Konflikt zwischen den kulturellen Werten der britischen Kolonialmacht und denen des eigentlichen Australiens liegt. Erst ein längerer Aufenthalt in England lässt sie erkennen, dass sie nur durch eine Loslösung zu einer selbständigen Wertfindung gelangen kann. Doch selbst diese neu gefundene Identität als Australierin hilft ihr nicht über die Problematik hinweg, der sie sich als angehende Historikerin in ihrer Heimat ausgesetzt sieht. Für eine Frau, die als dem Mann gleichberechtigte Wissenschaftlerin arbeiten will, gibt es hier offensichtlich keinen Platz. Als einziger Ausweg bleibt ihr daher nur die Auswanderung in die Vereinigten Staaten.
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