Jill Ker Conway, Auszug aus Coorain: Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Australien. Unveröffentlicht.© der deutschen Übersetzung 2003-2012 Claudia Arlinghaus. Titel der Originalausgabe: The Road from Coorain: In the tradition of My Brilliant Career. A woman's exquisitely clear-sighted memoir of growing up Australian. New York: Knopf, 1989. ©1989 by Jill Conway
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aus Kapitel 1 DER WESTEN
Grassteppe bedeckt die Ebenen des westlichen Neusüdwales. Ihre gewaltige Fläche ergießt sich über Hunderte von Meilen, bis hinter den Lachlan und den Murrumbidgee River, bis schließlich die Wüste sie ablöst und ins Innere rauscht, zum toten Herzen des Kontinents. Richtet man auf diesen Ebenen den Blick auf den Boden, so entdeckt man in einem guten Jahr einen Gobelin zarten Lebens – nicht zu vergleichen mit dem verschwenderischen Muster eines mittelalterlichen Stundenbuches, doch ein von einem modernen Künstler mit sparsamen Mitteln entworfener Webteppich. Was hier wächst, klammert sich mit seinem ausgedehnten Wurzelwerk fest an den Boden; darüber führt die Pflanze ein zwar zartes, doch unbeirrtes Dasein. Auf jeden Regenguss folgt eine Explosion neuen Wachstums. Nussig-aromatisches grünes Gras richtet feine grüne Speere auf. Wildes Getreide bringt Saat hervor, die zu Ähren von gebleichtem Gold heranreift. Purpurfarbene Wüstenwicken durchweben das Grün und Gold, und leuchtend gelbe Kornblumen bedecken ganze Morgen von Land, gleich Feldern von Senfpflanzen. Der Erde am nächsten ist der dreiblättrige Klee, dessen winzige, intensiv grüne Blätter sich im Frühjahr über den Boden schieben, übersät von leuchtenden Blüten, welche im Herbst einer Tracht samengefüllter Kletten stattgeben - Kletten, in denen die Kraft der Sonne als konzentriertes Protein gespeichert ist. Am Rande von Tonmulden, wo der Mutterboden erodiert ist, zeichnen fleischige Sukkulenten mit Blüten in leuchtendem Pink und Violett, Farbspritzern gleich, konzentrische Ringe auf die Erde.
Niedriges Gestrüpp überragt die Pflanzen, die sich an den Erdboden schmiegen. Es gedeiht überall dort, wo eine dem Auge kaum sichtbare Vertiefung eine höhere Konzentration von Taufeuchte und zauderndem Regen zulässt. Hier wächst der allgegenwärtige rundgewölbte stachlige Steppenroller, der sein Leben in kräftigem Giftgrün beginnt, nur um von Sonne oder Frost zu blassem Weißgelb verbrannt zu werden. Mit der Zeit wird sein Wurzelhals geschwächt, bis der Wind ihn an einem frischeren Tag vom Boden pflückt und langsam und majestätisch umherrollen lässt, wie wirbelnde Sonnen in einem Gemälde von Van Gogh. Wo der Boden Kalkstein enthält, siedelt sich kräftigeres Gesträuch an, manchmal sechzig bis achtzig Zentimeter hoch, mit dem feinen, schmalen Blattwerk des Trockenklimas, blaugrün und graubestäubt von Farbe, perfekt adaptiert, um der dörrenden Sonne zu widerstehen. Wo etwas weniger durchlässiger Boden nach dem Regen eine Weile das Wasser hält, ist die einjährige Melde anzutreffen, eine wundersame silbergraue Pflanze, die in kleinen runden Blattballons einen eigenen Wasservorrat anlegt und noch gedeiht, nachdem die Regenfälle schon lange ausgeblieben sind. Ihr aus härterem Holz geschnitzter mehrjähriger Cousin, der dem Sagebrush ähnelt, stützt sich auf holzige Zweige und trotzt dem stärksten Wind. Sehr selten - dort, wo ein unterirdischer Wasserlauf der Erdoberfläche ein wenig näher kommt - drängen sich wenige Eukalyptusbäume zusammen. Durch Wind und Wassermangel zerschlissen und knorrig, erheben sie sich, einer Versammlung einheimischer Gottheiten gleich, dramatisch über den Horizont. Hitze und Luftspiegelungen lassen sie in der Luft schweben, so dass sie aus der Entfernung wie Surfer anmuten, die auf einer nicht enden wollenden silbrigen Woge über die Ebene gleiten. Der Ozean, über den sie gleiten, glänzt graublau, silbern, grün, gelb, scharlachrot und blassgolden, Glanzlichter auf den roten Nuancen des Tons, eine farbenreiche Palette, beleuchtet von strahlendem Sonnenschein - oder, an grauen Tagen, eine zurückhaltende Farbmischung wie die einer ruhigen See. Die Geschöpfe dieses Landes tragen seine Farben in ihrem Gefieder, in ihrem Pelz und ihrem Schuppenkleid. Zu den größten Bewohnern zählen die Emus, mannshohe flugunfähige Vögel mit graubraunem Federkleid und winzigen Flügeln, und die Kängurus. Wie die Emus sind auch die Kängurus stille Lebewesen; bei einer Größe von sechzig Zentimetern bis fast zweieinhalb Metern reichen ihre Farben vom sanftesten Taubengrau bis hin zu einem satten Rotbraun. Beide Arten verschmelzen so gut mit ihrem heimatlichen Boden, dass man bisweilen fast direkt vor ihnen steht, bevor man die vertrauten Umrisse ausmacht. Das Fell der Wildhunde ist von dem allgegenwärtigen Ockergelb des sonnengebackenen Tons, und die Reptilien - die Schlangen und Warane - wirken wie Schatten auf der Erde. Alle bewegen sich behutsam durch diese zerbrechliche Pflanzengemeinschaft, auf gepolsterten Pfoten und mit Krallen, welche die Graswurzeln intakt lassen. Auf der Ebene stößt die Erde in einer so gleichmäßig scharf abgesetzten schwarzen Linie gegen den Himmel, dass diese wie von einem Schöpfer gezogen scheint, der mehr Interesse an Geometrie als an alttestamentarischen Hügeln und Tälern hat. Menschliches Unterfangen erscheint winzig klein vor solch einem leeren Horizont. Auf einer Insel auf hoher See verleiht uns ein deutlicher Horizont ein Gefühl der Geborgenheit. Auf der Steppe aber zieht dieser immer mit uns; vor ihm gibt es kein Entrinnen. Seine Leere begleitet uns auf Schritt und Tritt und erwartet uns in jeder Himmelsrichtung. Da das karge Land mit nur sehr wenigen Orientierungspunkten dient, scheinen wir über es dahin zu kriechen, eine einzige winzige Existenz zwischen der leeren Erde und dem sich darüber wölbenden Himmel. Da der Boden so äußerst flach ist, stehen Gegensätze in einem seltsamen Maßstab zueinander. Ein scharlachroter Sonnenuntergang lässt graugelbe Grasbüschel wie Bäume hervortreten. Gewitterwolken türmen sich tausend Meter über einem einzelnen verkrüppelten Baum im Vordergrund. Ein Reiter am Horizont scheint urplötzlich direkt den Wolken zu entsteigen. Während das Muster des Erdbodens nach kleinem Maßstab gefertigt ist, gleich einem komplizierten Gobelinstich auf einem riesigen Wandteppich, bietet der Himmel pures Drama. Kumuluswolken häufen sich im Zentrum gigantischer kontinentaler Abschnitte, und der Wind treibt sie mit dramatischer Geschwindigkeit den Horizont entlang oder über unsere Köpfe hinweg. Der allgegenwärtige rote Staub der trockenen Erde schwebt in der Luft und bringt im Wechsel alle Farbtöne von Gelb über Orange und Rot bis Purpur hervor, während die Wolken das Licht beugen und brechen. Das Drama von Sonnenauf- und untergang macht den Mangel an Singvögeln in diesem Teil des Busches wett. Bei Sonnenaufgang gehen prächtige goldene Strahlen dem barocken Hervorbrechen der Sonne voraus. Bei Sonnenuntergang gleichen die Schattierungen der Haufenwolken einem Seestück von Turner, bis die Sonne hinter die Erde taucht und nicht Abendrot hinterlässt, sondern Feuerzungen am Horizont. Nur der Buschkanarienvogel und die Elster werben unter diesem Firmament mit den Liedern nördlicher Wälder. Die meisten Vögel sind Papageien, mit den lebhaften Farben und der rauen Stimme ihrer Spezies. Bei Sonnenuntergang versammeln sich Rosellasittiche, himmlisch rosenrot, auf den Bäumen und lassen diese rot aufleuchten. Elstern - große, schwarzweiße Tiere, ihr Ruf beinahe ein Lied - feiern den Sonnenaufgang, aber die übrigen Stunden des Tages bleiben den Krähen überlassen, dem Schrei des Habichts und des Steinadlers. Am meisten überrascht das derbe Lachen des Kookaburra, eines Eisvogels, dessen Ruf an dämonisches Gelächter erinnert. Man kann sich nur schwerlich einen Kookaburra vorstellen, der Sankt Hieronymus füttert oder dem Heiligen Franziskus Gesellschaft leistet. Dieser Vogel gehört zu einer Landschaft, die physisch wie spirituell außerhalb der Vorstellungskraft des christlichen Westens liegt. Die Urkraft der Sonne regiert das Land. Im Verein mit Wind und Sand verbrennt und vernichtet sie alle Anzeichen von Verfall. Reinigendes Wasser gibt es nicht – Flüsse verlaufen unterirdisch, und Regen fällt zu selten. In dem immer wiederkehrenden Kreislauf der Dürreperioden fließen Sand und Staub wie Wasser, und gleich den Überschwemmungen eines anderen Klimas verschlingen sie alles in ihrem Pfad. Nur mit Mühe gelingt es dem Maler, das Flirren dieser warmen roten Erde einzufangen, die in dem hellen Licht tanzt, und gleichzeitig die subtilen Grün- und Grautöne der Pflanzen und Bäume festzuhalten. Klima und Vegetation waren verwirrend für die Neuankömmlinge aus Europa, denn die hier heimischen Eukalyptusbäume werfen ihre Blätter nicht ab. Es ist der physische Ansturm der Sonne in den heißen, trockenen Sommern, der bei den Pflanzen die Ruheperiode auslöst. Im Herbst folgt ein langsames Erwachen, und nach einer kurzen Regenzeit im Winter dann ein plötzlicher, energischer Wachstumsschub. Der Sommer ist für alle Lebensformen eine Zeit stillen Ausharrens, während die letzte Feuchtigkeit versiegt und die Erde verbrennt. Die Wintertage gleichen dem Sommer eines nördlichen Klimas, und das Frühjahr ist der Beginn ewigen Sonnenscheins. Mehrere Winter können auf der Ebene ohne eine Regenzeit vorübergehen, und etwa alle zwanzig Jahre bleibt der Regen für ein ganzes Jahrzehnt aus. Wenn dieses eintritt, obliegt es der Sonne, die Knochen der toten Kreaturen zu reinigen, denn der Tribut ist gewaltig.
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